Beim Züchter

Es war kurz vor Weihnachten. Überall standen Vasen mit geschmückten Zweigen und an den Fenstern blinkten LED-Sternchen. Wir spürten eine seltsame Unruhe. Die großen Katzen, die schon reichlich Erfahrung gesammelt hatten, munkelten, dass schon bald fremde Menschen kommen würden, um die kleinen abzuholen. Stimmte das? Mir war ein bisschen mulmig zumute. Deshalb zog ich mich unter die Decke der Couch zurück und sinnierte. Plötzlich ein Ruck – und auf mir saß Rousseau, mein wilder Lieblingsbruder. “He, was machst du da, komm heraus! Am hellichten Tag schlafen! Mann, bist du langeweilig!”, rief er, machte drei tollkühne Sätze hintereinander und landete im Vorhang. Ich streckte den Kopf heraus. Da sah er, dass meine Augen nass waren. “Warum weinst du?”, fragte er und stieg zu mir herab. Ich erzählte ihm, was ich gehört hatte.

Der Tag es Abschieds naht……

“Wahnsinn!”, brüllte er und sauste wie von der Tarantel gestochen um den Esstisch herum. “Endlich mal was Neues. Hier wird einem ja schon langweilig! Sei froh, dass du wegkommst.” –  “Aber was soll ich denn alleine in einer anderen Familie?”, schluchzte ich. “Du Dummerchen”, tröstete er mich, “die sagen doch alle, dass wir immer nur zu zweit weggegeben werden. Und weißt du was? Ich mache ‘ne Wette, dass wir zusammen in ein Haus kommen. Die haben doch hier auch gemerkt, dass wir wie siamesische Zwillinge aneinanderkleben.” So richtig beruhigt war ich damit noch nicht.

Rousseau wird es langweilig….

Während ich von Tag zu Tag stiller wurde, weil ich nicht wusste, was auf mich zukam, konnte Rousseau den Tag des Abschieds kaum erwarten. Voller Übermut ärgerte er seine Geschwister, hopste auf ihnen herum, zog sie an den Beinen und verfolgte sie sogar bis ins Katzenklo. Als er dann auch noch seinen Bruder so sehr ins Ohr biss, dass es blutete, hatte unsere Züchter-Mama die Nase voll.

“Jetzt reicht’s mir aber!! “,  schrie sie, dass man es bis auf die Terrasse hörte, “so einen verrückten Kerl wie dich hatten wir noch nie! Du bringst mir die ganze Gruppe durcheinanader. Ich rufe jetzt deine neuen Besitzer an, damit sie dich abholen! Und ich kann nur hoffen, dass diese Leute in der Lage sind, dich zu zähmen! Gnade dir Gott, wenn die dich wieder zurückbringen. Hier will ich dich nicht mehr sehen!”

Die Adoptiveltern sind da…..

Jetzt wurde es also ernst. Wenige Tage später stand ein sympathisches Paar in unserem Katzenzimmer mit einem großen geflochtenen Korb. Allen war klar, dass der für Rousseau war. Und was war mit mir? Eigentlich gefiel es mir hier ganz gut. Aber ohne Rousseau wollte ich auch nicht mehr hier bleiben. Die Frau öffnete den Korb und alle Katzen beschnupperten ihn.

Nach einer Weile zischte Rousseau die anderen bedrohlich an: ” Verschwindet, das ist mein Korb!”, und mir machte er Zeichen einzusteigen. Kurz zögerte ich, drehte mich um, schaute auf alles, was in den letzten 4 Monaten mein Zuhause gewesen war: meine blaue Kuscheldecke, die ich so mochte, die Vorhangkordel, mit der ich so gerne spielte, die graue Höhle, in der ich mich mit Rousseau vor den anderen immer verschanzte. Ich warf einen letzten Blick auf meine Mutter und suchte ihre Augen. Aber sie tat so, als sehe sie gar nicht, was gerade passierte. Dann stieg ich ein und rollte mich in der hintersten Ecke des Korbs zusammen. Rousseau ließ sich breit vor mir nieder und nahm fast den ganzen Platz in Anspruch.

Wer sind unsere Adoptiveltern?

Die Züchterin trank mit unserer neuen Familie Kaffee und regelte die Formalitäten. Als sie ihre Kätzchen einfangen wollte, staunte sie nicht schlecht, dass Rousseau und ich schon im Korb saßen und bereit zur Abfahrt waren. Rousseau, dieser Hellseher, hatte mit seiner Vermutung tatsächlich Recht gehabt: Wir sollten zusammen bleiben. So war es geplant.

Aber wo ging die Fahrt jetzt hin? Wer waren die Leute, die unsere neuen Eltern werden sollten? Später erfuhr ich, dass uns unser neues Herrchen unbedingt kaufen wollte. Das neue Frauchen war nämlich so traurig vor Schmerz, weil ihr Kater gestorben war. Sie war richtig krank und konnte gar nicht mehr lachen. Sie wollte auch nie wieder eine Katze haben, denn sie dachte, dass sie es nicht überleben würde, wenn sie diese wieder verlieren würde.

Da hat dann das Herrchen ein Machtwort gesprochen und uns kurzerhand ausgesucht. Zufällig war jetzt bald Weihnachten. Somit wurden wir gleichzeitig auch noch das Weihnachtsgeschenk von Herrchen für Frauchen.

Rousseaus erster Streich…

Endlich ging es los! Frauchen schnallte den Katzenkorb auf dem Rücksitz fest und setzte sich neben uns. Aber wer hätte gedacht, dass die Fahrt so endlos lang werden würde!!! Zuerst schauten wir durch die Ritzen des Korbes und beobachteten Frauchen, die uns immer wieder ablenken wollte. Aber Rousseau hatte bald die Nase voll mit fahren. Er stellte sich auf und rüttelte an der Tür. Dann warf er sich mit voller Wucht dagegen, dass sie nur so krachte. Als sie nicht aufging, versuchte er mit der Pfote an den Riegel zu kommen, um ihn aufzumachen. Die Leckerlis, die Frauchen ihm reichte, interessierten ihn nicht. Er hangelte sich am Geflecht entlang durch den ganzen Korb. Und dann machte er etwas, was ganz und gar verboten ist: Er begann am Holzgeflecht herumzuknabbern. “Lass das, das darf man nicht!”, warnte ich ihn immer wieder und versetzte ihm von Zeit zu Zeit einen Stoß in die Rippen. Aber er ließ sich nichts sagen. Frauchen merkte leider nichts, denn es war ja schon dunkel und die Geräusche der Autobahn übertönten das Knacken des Geflechts.

Die Ankunft im neuen Heim…

Nach vier langen Stunden kamen wir im neuen Zuhause an. Frauchen schaltete die Weihnachtsbeleuchtung an und wir sahen ein großes Haus mit einem riesigen Garten. Im Wohnzimmer stand ein wunderschöner, deckenhoher Kratzbaum. Überall lagen Decken, damit es uns ja nicht zu kalt werden würde. Zuerst standen wir da wie versteinert und staunten über die vielen neuen Spielsachen. Aber dann konnten wir uns nicht mehr halten. Rousseau rannte wie ein  Wahnsinniger quer durch das Wohnzimmer, über die Sofas, auf die Schränkchen, hoch auf den Kratzbaum, runter auf den Boden und schließlich landete er in Frauchens Palme.

Rousseaus zweiter Streich …

Unser Herrchen war vom Fahren ziemlich erschöpft und schenkte sich zur Feier des Tages ein Glas Wein ein. Als Rousseau das sah, sprang er von hinten auf seine Schulter und von dort mitten ins Weinglas, dass es nur so spritzte!  Alles war voller Rotwein. Frauchen kam angerannt und zog den klatschnassen Rousseau aus dem Glas heraus. Sie jammerte die ganze Zeit:” Oje, oje, Alkohol ist tödlich für Katzen!!! Ich muss ihn trockenreiben. Er darf das auf keinen Fall ablecken!!”

Ich muss schon sagen, Rousseau hat sich am ersten Abend wirklich nicht gut benommen! Wenn Frauchen gesagt hätte, die beiden bringen wir wieder zurück, dann hätte ich das vollkommen verstanden.

Aber sie war ja so froh, dass sie wieder zwei Kätzchen hatte. Das war das schönste Weihnachtsgeschenk, das man ihr jemals gemacht hatte. Sie konnte nicht aufhören, uns zu beobachten. Und sie sagte immer wieder, dass es nichts Schöneres gibt als zwei kleine Katzenköpfchen, die aus dem Kratzbaum hervorlugen.

Rousseaus dritter Streich…

Leider kommt alles noch schlimmer. Denn Rousseau war anfangs der ungehobeltste und eigensinnigste Kater, den man sich überhaupt vorstellen kann. Er tat vor allem das, was verboten war. Frauchen hatte uns über Nacht den Katzenkorb im Zimmer gelassen, weil ihre früheren Kätzchen anfangs gerne darin schlafen wollten. Sie dachte, dass er auch uns ein bisschen Geborgenheit geben könnte. Aber anstelle sich hinzulegen, knabberte Rousseau die halbe Nacht wieder daran herum.

 

In Lebensgefahr ….

Es kam, wie es kommen musste. Am anderen Nachmittag fing Rousseau plötzlich an zu würgen. Er spuckte lauter kleine, spitzige  Hölzchen aus, die aussahen wie halbe Zahnstocher. Frauchen und Herrchen erschraken fast zu Tode, ahnten aber schon die Ursache.  Geistesgegenwärtig fuhren sie sofort zumTierarzt, der die Hände über dem Kopf zusammenschlug. So etwas hatte er noch nie erlebt. Wie konnte ein so kleiner Katzenkater so große, spitzige Hölzer im Bauch haben!! Rousseau wurde sofort  mit Kontrastmittel von Kopf bis Fuß geröntgt. Zum Glück wurde kein Fremdkörper mehr gefunden. Aber der Tierarzt gab noch keine Entwarnung. Denn nicht alles kann man beim Röntgen sehen. Der freche Rousseau durfte wieder mit nach Hause gehen. Wir alle sollten ihn aber genau beobachten, ob er sich normal verhält.

Rousseau und Sari auf Frauchens Pullis

Frauchen ist sehr traurig…

Schluchzend kam Frauchen zu Hause an. Sie konnte nicht begreifen, dass sie so dumm sein konnte und die Gefahr, die von dem Korb ausging, nicht erkannt hatte. Sie schwor sich, mich zurückzugeben und in ihrem ganzen Leben nie mehr eine Katze zu nehmen, wenn Rousseau nicht überleben würde.

In drei Tagen war Heiligabend. Eigentlich die schönste Zeit des Jahres. Aber Frauchen hatte keine große Lust mehr, irgendetwas vorzubereiten. Sie schlich traurig im Haus umher. Die Angst, dass Rousseau doch noch ein Hölzchen im Körper haben könnte, das plötzlich den Darm durchbohrte, wich nicht aus ihrem Gehirn.

Ich versuchte sie auf andere Gedanken zu bringen, stellte mich vor sie, damit sie mich hochnehmen musste. Dann kuschelte ich mich  fest an ihre Brust, schnurrte ganz laut und flüsterte in ihr Ohr: “Ist alles nicht so schlimm. Ich bin bei dir und mit Rousseau ist auch alles in Ordnung.”

 

yyy

Rousseau juhu

Ende gut, alles gut…

Das Schicksal meinte es gut mit uns. Rousseau hatte wirklich einen Schutzengel, der seine Hand über ihn hielt. In den beiden folgenden Tagen tobte er wie eh und je, sodass der Tierarzt davon ausging, dass Rousseau nichts fehlte.

Jetzt holte Herrchen doch noch den Weihnachtsbaum aus der Garage und stellte ihn auf. Na ja, er sah recht kahl aus, so ohne Lametta und Strohsterne. Dies hielt Rousseau allerdings nicht davon ab, ihn zu besteigen und sich in der Krone festzukrallen.

Zum Glück wurde mein Bruder im Laufe der Zeit vernünftiger und stellte solche schlimmen Dinge nicht mehr an.

 

Wer noch eine Weihnachtsgeschichte sucht, hier ein Link:

Eine Katzenweihnachtsgeschichte:Wie die Katzen hinter der Regenbogenbrücke zur Weihnachtsfreude beitrugen