Wohnungskatzen, die plötzlich verschwunden sind, lösen hektische Suchaktionen aus, über die Besitzer von Freigängern vielleicht nur milde lächeln können. Da wir zwei Wohnungskatzen haben, steht bei uns der Haushalt Kopf, wenn dieser Fall eintritt, und mein Mann und ich stehen meistens kurz vor dem Scheidungsrichter.

So fing es an

Vor drei Tagen war so ein Horrortag. Ich sitze abends vor dem Fernseher und schaue eine Komödie. Sari hatte sich auf meiner Brust niedergelassen und schnurrte mir ihr schönstes Lied unter das Kinn. Rousseau befand sich im Haus auf der Pirsch.  Wahrscheinlich jagte er gerade eine Schnake, die sich im Schlafzimmer verirrt hatte, so meinte ich. Und das konnte dauern.

Wo ist Rousseau?

Inzwischen war es dunkel und der Film zu Ende. Von Rousseau keine Spur. Normalerweise lag er abends auf meinen Beinen. Grelle Blitze schossen über den Nachthimmel. Ein Gewitter war im Anmarsch. Aber außer mir interessierte das mal wieder keinen im Haus. Gleich musste es regnen. Mir fiel meine Mutter ein, die bei Gewitter mitten in der Nacht –gestiefelt und gespornt mit der Katze im Transportkorb – in der Küche saß und wartete, bis der Blitz einschlug.

So schlimm ist es bei mir noch nicht. Aber beim Ausbruch von Naturgewalten – Gewittern, Erdbeben, Vulkanausbrüchen – will ich meine Mäuse bei mir haben. Nur – Rousseau kam heute nicht, nicht mal als ich ihn mit dem Zauberwort „Fleischle“ in allen Tonlagen lockte.

Hektisch durchsuchte ich sämtliche Räume, einschließlich der Schränke, Schubladen, Waschmaschine, und kam schließlich zu der Erkenntnis: In diesem Haus befand sich Rousseau nicht mehr. Mein panisches Herumirren löste meinen Mann aus seiner beschaulichen Zweisamkeit mit seinem Computer. Offensichtlich hatte er noch gar nicht gemerkt, was los war. Dieser Mensch treibt mich eines Tages in den Wahnsinn. In aller Gemütsruhe begab er sich nun auf die Terrasse und warf einen Blick in den Garten. Es könnte ja sein, dass Rousseau ein wenig Luft schnappen wollte.

Rousseau taucht auf

Noch regnete es nicht, aber Donner und Blitze lösten sich in kurzen Abständen ab. Im Ostfriesennerz und mit einer Taschenlampe bewaffnet, stürzte ich in den Vorgarten. Im Geiste sah ich schon unseren Schnurrer zu Tode erschreckt unter einem Busch liegen und wimmern, vielleicht traumatisiert bis ans Lebensende.

Da ertönte von der Terrasse her der Ruf meines Mannes: Er kommt!! Ich stürzte ins Haus und sah durch die Glastür, wie Rousseau seelenruhig die Terrassentreppe emporschritt, als sei das für ihn die natürlichste Sache der Welt.

Die Auflösung

Aber wie hatte er entwischen können? Die Schwachstelle war – leider – mal wieder mein Mann. Er hatte das Fenster in seinem Arbeitszimmer zugedrückt und den Griff nicht nach unten gestellt. Während er am Computer saß und wahrscheinlich ein wenig döste, hatte Rousseau das schwere Fenster so lange mit der Pfote bearbeitet, bis es offen war. Das war Knochenarbeit! Aber unser genialer Kater schafft alles, was er will. Vom Fenster muss er dann auf die Markise des Untergeschosses gesprungen sein und von dort in den Garten. Eine akrobatische Leistung und leider nicht ungefährlich.

Nach genauer Funktionsprüfung sämtlicher Knochen und Gelenke kam ich zur Erkenntnis, dass Rousseau unversehrt war. Gott sei Dank! Und ein Glück für meinen Mann.

Das Freigehege für die Schnurris werden wir jetzt umgehend in Angriff nehmen. Das findet auch mein Mann.